Lofoten Norwegen Roadtrip

8400 km durch den Norden – Zwischen Wohnmobilen und unbändiger Natur auf den Lofoten

6. Station – Teil 1 – Zwischen Wohnmobilen und ungezähmter Natur unterwegs auf den Lofoten

Wie habe ich mich auf unser nächstes Ziel gefreut – die Lofoten. Insgesamt vier Tage sind geplant. Als wir 2013 das letzte Mal hier waren, hatten wir lediglich unsere Füße und einen großen Rucksack dabei. Die Erinnerungen sind durchweg positiv, deswegen konnte ich es kaum erwarten, von Senja zu starten. Mit einer Zwischenübernachtung erreichen wir die Lofoten gegen Mittag. Unser erstes Ziel ist Henningsvaer. Bereits 2009 war ich hier, bei strahlend blauen Himmel. In den neun Jahren hat sich einiges getan. Abgesehen vom grauen Himmel, hat das kleine Städtchen mitten auf einer Insel noch immer seinen besonderen Charme. Rote und weiße Holzhäuser säumen den Weg, während alte und neue Boote im blauen Wasser liegen. Eines jedoch fällt sofort auf. Eine ganze Menge Menschen.

Wunderschönes Henningsvaer

In den letzten zwei Wochen war es so ruhig, dass wir, ehrlich gesagt, ein wenig überfordert sind. Also laufen wir einfach weiter durch den Ort, bis ganz plötzlich nur noch drei, vier Personen umherlaufen. Während wir die vergangene Graffiti-Szene erkunden und uns einen Kaffee gönnen, wird es schnell ruhig um uns, bis wir uns inmitten von Holzgestellen für den Trockenfisch wiederfinden. Von hier kann man über Henningsvaer schauen und den Blick auf das Meer genießen.

Unsere Fahrt geht weiter nach Leknes, wo wir unsere Vorräte neu auffüllen, um uns dann einen Campingplatz zu suchen. Es wird Zeit fürs Wäsche waschen. Bei Skagen Camping werden wir fündig. Die Lage ist herrlich. Es gibt einen schönen Strand, auch wenn es bei Wind und Regen nur halb so angenehm für einen Spaziergang ist. Leider gibt es keine Küche, dafür ein hölzernes Aufenthalthäuschen, wo wir Holger kennenlernen, der seit Wochen allein mit dem Fahrrad unterwegs ist. Und so verbringen wir bei Bier und lustigen Anekdoten einen wirklich unterhaltsamen Abend.

Wanderung zum Mannen am Hauklandbeach

Am nächsten Morgen starten wir nach Haukland. Ich freue mich schon, denn es heißt mal wieder Wandern! Genau genommen geht es auf den Mannen, von wo aus man einen herrlichen Blick auf den Strand und die umgebene Inselwelt haben soll. Dort angekommen, bekommen wir den letzten Parkplatz. Wahnsinn, denke ich. Was ist denn hier los? Ohne viel nachzudenken, packen wir unser Zeug zusammen und laufen Richtung dem See Solstadvatnet. Leider gibt es keine Wegweiser, also folgen wir zunächst einer handvoll Menschen einem Weg nach oben. Mittendrin führt ein Zick-Zack-Weg auf einen Pass. Während die Anderen dem ausgebauten Weg folgen, geht es für uns nach oben – steil nach oben. Schnell ist kein Mensch mehr in Sichtweite und wir haben keinen Plan, wo genau es lang geht. Wir wissen nur, dass es dieser Berg, direkt vor uns, sein muss.

Als ein Holzpfahl links am Weg steht und von da ein zwar kaum nennenswerter, jedoch leicht erkennbarer Pfad abgeht, beschließen wir, ihm zu folgen. Und da uns tatsächlich Menschen entgegenkommen, können wir ja gar nicht so falsch sein. Der Weg schlängelt sich entlang des Passes und zwischenzeitlich haben wir eine grandiose Aussicht auf die Haukland-Bucht. Das Wetter ist mehr als durchwachsen. Von tief ziehenden Wolken bis zu Sonnenstrahlen am Horizont ist alles dabei. Immer wieder müssen wir schauen, dass wir einen sicheren Weg über die Steine finden, vor allem für Lotti. Und als wir den Gipfel zum ersten Mal erspähen können, verschwindet er auch direkt im dichten Nebel. Eine Gruppe junger Leute kommt uns entgegen und gratuliert uns für unser perfektes Timing. Na vielen Dank auch!

Wie Sie sehen können, sehen Sie nichts

Tatsächlich stehen wir am Gipfelkreuz und naja, wie mein Papa sagen würde: „Wie Sie sehen können, sehen Sie nichts!“ Wir befinden uns mitten in dicht gepackten Nebel, der uns wie eine weiße Wand umgibt. Elke schaut mich an und grinst. „ Siehst du! Vor zwei Tagen sagst du noch zu mir, du willst wissen, wie Wolken schmecken. Jetzt kannst du kosten!“ Wir müssen lachen. Zumindest kann nicht jeder behaupten, er war schon mal auf den Mannen und hat rein gar nichts gesehen. Und dazu noch vollkommen allein. Und während die Nebelschwaden an uns vorbeiziehen, können wir doch ab und zu den türkisen Schimmer des Wassers erkennen. Immerhin.

Der Rückweg wirkt ein wenig gruselig, da wir zeitweise keine drei Meter weit gucken können. Vielleicht war das auch gut so. Als sich der Nebel lichtet, haben wir freie Sicht auf den Pfad – direkt entlang des Abgrundes. Auf dem Weg nach oben haben wir es gar nicht richtig bemerkt, dass manchmal zwei Schritte entfernt einfach nichts mehr war. Umso konzentrierter geht es mit Lotti an der Leine abwärts. Und doch muss ich immer wieder stehen bleiben, weil ich diese mystische Atmosphäre gar nicht so richtig begreifen kann. Ich kann mich nicht sattsehen. Und so dauert es etwas länger bis wir unten sind.

Lottis neue Spielgefährten

Kurz bevor wir den ausgebauten Weg erreichen, bemerken wir, dass wir verfolgt werden. Als wäre der Nebel nicht schon gruselig genug gewesen. Wir drehen uns langsam um und da stehen sie, ganz unschuldig, zwei kleine Lämmer. „Ja, wir haben bemerkt, dass ihr uns schon eine Weile verfolgt“, sage ich. Entweder totesmutig oder extrem neugierig, kommen sie langsam immer näher. Lotti liegt ganz ruhig neben uns und spitzt die Ohren. Doch irgendwann hält sie es nicht mehr aus und hechtet nach vorne. Während ich an der Leine hänge und die Schafe ein Stück zurück flüchten, fordert Lotti sie immer wieder zum Spielen auf. Ich glaub, ich werd nicht mehr. Mein Hund will mit zwei durchaus neugierigen Lämmern spielen.

Das Ganze hätten sie wahrscheinlich noch den ganzen Tag gemacht, hätte Mama Schaf von weiter oben nicht gemeckert. Die Lämmer werden zurückgerufen und wir setzen unseren Weg zum Strand fort. Der berühmte Hauklandbeach ist überfüllt von Menschen. Gerade sind zwei Busse angekommen und wir überlegen, uns ein anderes Ziel zu suchen. Jedoch vernehmen wir, dass es in 20 Minuten für sie weitergehen soll, also verziehen wir uns ans äußerste Ende des Strands. Lotti liebt Sand, also jagen wir sie hin und her und querfeldein bis sie scheinbar überglücklich lächelnd in meine Arme fällt. Auch ich fühle mich richtig gut. Selbst, als wir den Gipfel des Mannen entdecken – ohne Nebel. Es geht noch einmal mit den Füßen ins eiskalte Wasser, während sich der Strand leert. Immer wieder kämpft sich die Sonne durch die dicken Wolkenfelder und das Landschaftsbild ändert sich von Sekunde zu Sekunde. Einfach wunderschön!

Eintritt zum Uttakleiv

Auf der anderen Seite der Bergkette befindet sich Uttakleiv mit wohl einen ebenso wunderschönen Strand und den berühmten runden Steinen. Wir fahren das Stück durch den Tunnel und erreichen ein großes Schild „Parking here“. Also parken wir auf einer eingezäunten Wiese. Gerade als wir über den Hügel laufen wollen, kommt uns eine Dame in knallgelber Warnweste hinterhergerannt. „Ihr parkt hier?“, fragt sie genervt in einem gebrochenen Englisch. Ich denke mir, man kann ja sonst nirgends parken und bejahe. „Macht dann 40NOK!“ Ich weiß nicht, ob es ihre genervte Art war oder die Tatsache, dass ich für die Natur Eintritt bezahlen sollte, aber meine sponate Antwort war „Are you joking?“ Was sie allerdings nicht so wirklich verstand. Ich habe sie also gefragt, ob es noch eine andere Parkmöglichkeit gibt oder man irgendwie anders zum Strand kommt, was sie verneinte. Wahrscheinlich hätte ich die 40 Kronen auch bezahlt, denn ich bin nicht geizig, aber dieses Gefühl, ich solle dafür bezahlen, einen Strand sehen zu können, war mir so suspekt, dass wir wieder gefahren sind.

Auf zum Strand nach Fredvang

Und da es noch viele weitere schöne Strände auf den Lofoten gibt, fällt unsere Entscheidung auf den Strand von Fredvang. Vielleicht nicht unsere beste Entscheidung. Hätten wir lieber die 40 NOK bezahlt. Vor fünf Jahren hatten wir unser Zelt auf dem Campingplatz aufgebaut, von dort eine herrliche Wanderung zum Ryten gemacht und die Mitternachtssonne am Strand verfolgt. Es war so schön, dass wir unbedingt nochmal dorthin wollen. Der Weg führt uns durch die kleine Ortschaft bis wir vor dem Eingang des Campingplatzes stehen. Ein Schild auf norwegisch besagt, zum Strand geht es rechts entlang. Also parken wir hinter einem kleinen Friedhof und umgehen ein Seil, an dem groß steht „No Camping!“.

Keine 200 Meter weit gekommen, schreit uns plötzlich schon wieder eine Frau hinterher und fuchtelt wie wild mit den Armen: „No camping! No camping!“ Abgesehen davon, dass wir lediglich zwei Fotorucksäcke auf dem Rücken haben, rufe ich zurück, dass wir nur zum Strand wollen. Doch sie schreit weiter: „No camping!“ Ja ja, wir wissen es. Der Weg zum Strand ist gar nicht so einfach zu finden und uns geistert noch immer im Kopf umher, ob die Dame vielleicht auch nicht wollte, dass wir den Weg gehen. Also beschließen wir zur Sicherheit, einfach über den Campingplatz zurückzulaufen. Nach ein paar Fotos und einem kleinen Spaziergang, den wir nicht so richtig genießen können, geht es also zurück zum Auto. Oben angekommen, stürmt die Dame, die scheinbar also die Besitzerin des Campingplatzes ist, wie von einer Tarantel geschossen aus ihrem Haus und beginnt uns in einem unverständlichen Englisch anzuschreien.

Wildes Getummel und Ärger im Paradies

Während wir wie angewurzelt stehen bleiben und vor Schreck gar nicht wissen, was wir sagen sollen, weil wir auch gar nicht verstehen, worum es hier eigentlich geht, schreit die gute Dame weiter. Ich gebe Elke ein Zeichen, einfach weiterzulaufen. Immerhin haben wir nichts getan, was so eine Reaktion hervorrufen könnte, außer über den Platz gelaufen zu sein. Da kommt plötzlich der Besitzer raus und stellt sich aufgestellt wie ein Bär vor uns. Ich versuche ihm zu erklären, dass wir nur über den Campingplatz gegangen sind, weil seine Frau hinter uns her geschrien hat, als wir ja scheinbar den richtigen Weg zum Strand gelaufen sind und wir uns dann nicht mehr sicher waren, ob wir dort überhaupt langlaufen dürfen. Wir sind also nur über eine Wiese gelaufen!

Während die Frau im Hintergrund noch immer rumschreit, wie ein wild gewordener Stier und uns beleidigt, wie ich es noch nie erlebt habe, redet der Mann weiter auf uns ein. Da ich nicht verstehe, was jetzt eigentlich von uns verlangt wird, überlege ich sogar, die Polizei zu rufen. Es sind schon weitere Leute aufmerksam geworden und als der Mann mich mit seinen Händen zurückdrängen will, platzt es aus mir heraus: „DON´T TOUCH ME!“ Ich nehme Elke an die Hand und laufe strammen Schrittes zum Auto zurück. Nun werden wir von beiden auf das Übelste beschimpft, aber ich hab nur noch eines im Sinn. Weg hier!

Wir fahren Richtung Selfjorden. Es herrscht eine unheimliche Stille im Auto. Die Straße ist gepflastert mit Schildern „No parking“ und „No camping“. Bis wir unseren Übernachtungsplatz gefunden haben, ist kein Wort gefallen. Elke zieht die Handbremse an und schaut zu mir rüber. „Was war das denn?“ Wir können beide nur mit dem Kopf schütteln. In meinem Leben wurde ich grundlos, selbst mit Grund, nie so beschimpft und angeschrien. Elke kramt ein Bier hervor „Zum Runterkommen…“ Wir sitzen auf dem Bett, die Kofferraumklappe geöffnet, und schauen auf die wunderschöne Fjordlandschaft, während Tropfen auf das Autodach prasseln. Wie kann man nur so verärgert sein, wenn man hier lebt? Und unweigerlich stellt sich mir die Frage: Touristen – Fluch oder Segen auf den Lofoten?

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