Norwegen Roadtrip Varanger

8400 km durch den Norden – Berlevågs einsame Küsten

2. Station – Die Kommune Berlevåg auf der Varanger-Halbinsel

Über scheinbar endloses Fjell fahren wir einsam Richtung Berlevåg. Der Himmel ist einheitlich grau, lediglich kleine Sträucher am Wegesrand verraten uns, dass es windig sein muss. Als wir die Küste erreichen, ist es schon recht spät. Bisher haben wir weder Menschen gesehen, noch sind uns Autos begegnet. Das ändert sich auch nicht, als wir Kongsfjord passieren. Lediglich eine kleine Herde Rentiere läuft im Zick-Zack vor uns auf der Straße. Aber Menschen leben hier schon, oder? Kurz vor Berlevåg dann das erste Auto seit 4 Stunden. Wahnsinn.

Wir stellen unser Auto beim Berlevåg Camping ab, gönnen uns eine warme Dusche, kochen im warmen Häuschen und genießen sie einfach – die Wärme. Ein Abendspaziergang entlang der inneren Mole zeigt uns das erste Mal ansatzweise, wie schön die Mitternachtssonne sein kann. Für einen kurzen Moment streckt sie ihre Strahlen durch die Wolkendecke herab und berührt ganz vorsichtig das kühl blaue Meer. Zu kalt, denkt sie sich wohl, und zieht sich etwa zwei Minuten später wieder hinter die Wolken zurück. Auf dem Rückweg startet etwa fünf Meter vor uns ein Seeadler, den wir gar nicht mitbekommen haben. Mit seinen weißen Schwanzfedern verschwindet er schon bald inmitten der Wolke aus Möwen. Bisher haben wir noch gar nicht so viele Möwen gesehen. Jetzt wissen wir auch, warum. Sie versammeln sich alle in Berlevåg – und ich meine wirklich alle. Das dauerhafte Kreischen trägt uns bis in den Schlaf.

Wanderung zum Tanahorn

Nach einem ausgiebigen Frühstück verlassen wir Berlevåg Camping und starten unsere Wanderung zum Tanahorn. Ein Schild am Wegesrand weist den Einstieg. Es einen Parkplatz zu nennen, wäre übertrieben. Aber die Parknische lässt erahnen, dass hier Massentourismus zum Glück keine Rolle spielt. Ab und zu nieselt es und der eisige Wind pfeift stetig um uns. Die Wanderung startet gemächlich entlang der Berge aufwärts. Zunächst folgen wir dem Fluss, wo die Vegetation noch grünes Gras hervorbringt. Schnell verwandelt sich die Landschaft jedoch in die karge, von Moos und Sträuchern bewachsene Tundra. Und dann geht es nur noch geradeaus.

Drei Kilometer. Unendlich viele Heidelbeersträucher. Zwei Kilometer. Ein kleines Moor überwinden. Ein Kilometer. Wo kommen all die kleinen Steine her. Abwechslungsreich ist es schon, aber man hat die ganze Zeit sein Ziel vor Augen und das Gefühl, man kommt nicht näher. Die Berge auf Varanger sind nicht besonders hoch und so erstreckt sich die Wanderung auf eine Höhe von 266 Meter auf etwa vier Kilometer. Orangene Stangen markieren ab und zu den Weg. Und irgendwann, ganz plötzlich, erreichen wir das Ziel. Eine kleine Kuppe ragt an der Steilküste hinaus. Nur ein paar kleine Schritte entfernt liegt die Freiheit.

Vor uns eröffnet sich ein Ausblick, mit dem wir nie gerechnet hätten. Links und rechts fallen die steilen Klippen fast senkrecht nach unten und vor uns liegt die unendliche Barentssee. Himmel und Meer sind so farbgleich, dass man den Horizont nur erahnen kann. Wunderschön. Vielleicht auch ein wenig mystisch. Ob so das Ende der Welt aussieht? Der Rückweg vergeht ähnlich schnell und als wir am Auto ankommen, entlädt sich der Himmel mit einem mächtigen Wolkenbruch. Dicke Tropfen prasseln auf das Auto, während wir, stillschweigend und lächelnd, an die grandiose Aussicht denken.

Das verlassene Fischerdorf Store Molvik

Vor uns liegt nun die 11 Kilometer lange Straße, nennen wir es lieber löchrige Schotterpiste, nach Store Molvik. Begleitet von Rentieren und Seeadlern erreichen wir das verlassene Fischerdorf am Ende der Straße kurze Zeit später. Im Gegensatz zu Hamningberg ist es hier wirklich verlassen. Kein Mensch, kein Auto, lediglich ein paar Hütten an der Küste vermitteln das Gefühl, man sei nicht völlig allein. Die Berge gegenüber erinnern mich an Spitzbergen. Braun und kahl, bedeckt von etwas Schnee, umgeben von dem rauen Wasser der Barentssee. Auch wenn der Wind nach wie vor eisig ist, fühle ich mich hier richtig wohl. Abends schauen wir noch ewig auf das Wasser und beobachten das Lichtspiel in der Landschaft.

Als ich morgens die Kondenstropfen von der Scheibe wische, sehe ich einen Seeadler, der mit ausgebreiteten Schwingen an uns vorbeisegelt. „Auch dir einen wunderschönen Guten Morgen.“, denke ich. Das Wetter hat sich nicht geändert und so prasselt der Regen ab und zu auf das Autodach, während wir frühstücken. Danach machen wir uns zu einem Spaziergang entlang der Küste auf. Lotti bekommt heute das erste Mal Vaseline zwischen die Pfoten geschmiert und Schuhe an. Zur Sicherheit haben wir welche gekauft, obwohl ich nicht so der Freund davon war. Heute sind wir allerdings froh. Spitze Steine, Salz und Kälte haben die Pfötchen ganz schön angegriffen. Daheim stakste sie noch wie ein gerade geschlüpftes Reh mit den Schühchen, heute schien es eine Wohltat zu sein. Zwei, drei Schritte und ab durch die Mitte.

Spaziergang mit Überraschung

Der Küstenabschnitt besteht, wie fast überall auf Varanger, aus Steinen. Das Meer hat sich entlang der Küste einiges zurückgeholt. Das Land fällt schnurgerade abwärts bis zum Strand, was uns einen windstillen Spaziergang ermöglicht. Während Elke nach Muscheln und Steinen sucht, fliegt mein Blick immer wieder über das Wasser. Irgendwann muss man doch auch mal Wale sehen! Unser Weg stoppt an einem Wasserlauf. Es scheint unmöglich, ihn trockenen Fußes zu überqueren, also entscheiden wir uns für den Rückweg. Ich schaue nochmal auf das Wasser.

„Hast du das auch gesehen?!“ Elke schaut mich verdutzt an. „Mir war so, als hätte ich etwas Dunkles aus dem Wasser springen sehen.“ Wie angewurzelt starren wir auf das Meer. Nichts, absolut gar nichts zu sehen. Wunsch und Realität scheinen nicht überein kommen zu wollen. Doch gerade als wir weiterlaufen wollen, stoßen zwei Finnen durch die Wasseroberfläche. Kleine Finnen. Auf die Entfernung kann ich leider nicht ausmachen, welche Wale es sind und da sie scheinbar gerade auf der Jagd sind, sind sie unheimlich schnell unterwegs. Nach etwa fünf Minuten verlieren wir ihre Spur. Glücklich bin ich trotzdem! Endlich Wale!

Zurück im Fischerdorf, verweilen wir noch etwas. Stille und Einsamkeit umgeben uns. Es ist wunderschön hier, doch ein heraneilender Schauer zwingt uns zurück zum Auto. Nun heißt es, elf Kilometer zurück über die Schotterpiste nach Berlevåg. Weil der Campingplatz so toll ist, entscheiden wir uns, noch eine weitere Nacht hier zu schlafen. Auf dem Rückweg zum Berlevåg Camping halten wir noch kurz zum Einkauf. An der Kasse stehend, schaue ich durch die kleinen Fenster nach draußen und kann meinen Augen zunächst nicht trauen. Ist das etwa Schnee?! Ungläubig schaue ich zu Elke und zeige mit dem Finger zum Fenster. „Es schneit!“, sagt sie und grinst. Okay, es schneit, denke ich und bezahle den Einkauf.

Es schneit

Wir entscheiden uns dennoch für einen Spaziergang zur äußeren Mole. Licht und Schatten spielen ein unwirkliches Szenario in die Landschaft. Wo auf der einen Seite die Wiese in saftigem Grün erstrahlt, schieben sich auf der anderen Seite dicke Wolken, gefüllt mit Schnee, durch die Berge. Ein Panorama, was wir nicht so schnell vergessen!

Zurück am Campingplatz, welcher eine voll ausgestattete Küche, einen gemütlichen Ess- und Aufenthaltsraum und saubere Sanitäranlagen in einem wunderbar beheizten Haus bietet, sind wir froh, drin kochen und essen zu können. Wir nehmen uns den Abend frei und jeder spannt für sich aus. Während Elke das Treffen der Hurtigruten fotografiert, beobachte ich das immer wieder aufkommende Schneetreiben. „Das nenne ich mal Sommerurlaub!“, denke ich und grinse.

Am nächsten Morgen wollen wir das Hafenmuseum besuchen, welches leider geschlossen hat. Also klappern wir die kleine Stadt am Rande der Welt nach Läden ab, um für uns und Familie ein paar typische Mitbringsel zu kaufen. Schön ist hier, dass es keine Souvenirläden gibt, die von Süd bis Nord immer dasselbe anbieten. Es gibt nur ortstypische Waren und Kunst. So werden wir fündig im Arctic Glasstudio, einem kleinen Wollladen und im Olsens Feskemat. So langsam werden wir wehmütig, denn der Abschied aus Berlevåg steht an. Einen letzten Blick auf die Stadt erhaschen wir von der anderen Seite der äußeren Mole. Die Tetrapoden, die die Stadt von der rauen See schützen, sind mit lustigen Gesichtern verziert. Womöglich, um die Barentssee zu erheitern. Bei uns wirkt es jedenfalls.

Sandfjorden

Während Berlevåg im Rückspiegel verschwindet, eröffnet sich vor uns ein breiter Sandstrand. Sandfjorden. Da wir keinen Parkplatz finden, stellen wir das Auto kurzerhand am Straßenrand ab. Eigentlich war der Sprung in die Barentssee schon vor dem Urlaub geplant… Eigentlich! Das Thermometer zeigt 2°C an, der Wind fegt den Sand in Schlieren über den Strand und vor fünf Minuten ist ein weiterer Schneeschauer über uns hinweggezogen. Nein! Da kann ich einfach nicht reinspringen. Es bleibt also bei den Füßen.

Elke macht den Anfang. Und Lotti, die absolut wasserscheu ist, freut sich einen Ast ab, als sie wieder zurückkommt. Ganz nach dem Motto – „Ich bin so froh, dass du nicht komplett in dieses kalte Wasser bist.“ Wir toben noch etwas über den Strand bis es weiter nach Kongsfiord geht. Vor dem bekannten Landhandel empfängt uns das Schild ‚Vafler og kafe‘. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen. Dieses Haus ist eine wahre Schatzkammer. Man könnte alleine mehrere Stunden damit verbringen, die obere Etage zu erkunden.

Kongsfjord

Wir kommen mit der neuen Besitzerin ins Gespräch, die anscheinend selbst noch nicht so richtig verstehen kann, wie sie hier eigentlich gelandet ist. Auch ein Maler, der stolzer Brust durch die Tür tritt, schaltet sich in unser Gespräch ein. Er stamme aus Italien. Warum er hier wohne, könne er nach all den Jahren auch nicht mehr sagen. „Ich schätze, ich habe mich in die Einsamkeit verliebt.“ Wieso? Spielt jetzt wohl keine Rolle mehr. Was sie hier jedoch alle haben, sind diese wahnsinnig glücklichen Augen.

Kurz vor Kongsfjord liegt die kleine Halbinsel Veines, welche wir noch für einen Spaziergang nutzen. Und zwar zu einem Vogelbeobachtungshaus. Minütlich ändert sich das Licht. Wo gerade noch blauer Himmel war, ziehen große, weiße Wolken vorbei, aus denen dicke Schneeflocken rieseln. Ein Stück oberhalb des Hügels haben wir erneut eine perfekte Sicht auf die Barentssee.

Spaziergang auf der Halbinsel Veines

Da ruft Elke plötzlich „Guck mal da, ein Schneebogen. Ich werd bekloppt.“ Was soll denn bitte ein Schneebogen sein? Ich muss lachen. Die Erklärung ist ganz einfach. Die Wolken sind so weiß, man sieht von Weitem eindeutig, dass Schnee aus ihnen fällt und kein Regen. Folglich ist das kein Regenbogen, sondern ein Schneebogen. Kurzerhand erreichen wird das Beobachtungshaus, welches perfekt zwischen die bizarren Felsformationen passt. Zum Glück ist es offen, denn nur Minuten später zieht der nächste Schneesturm vorbei.

Einen Gyrfalken, der hier sein Zuhause haben soll, entdecken wir leider nicht, nur die üblichen Verdächtigen wie Lachmöwen und Eiderenten. Dann nutzen wir das Häuschen eben für eine kleine Aufwärmpause. Es ist schon spät geworden und wir wollen heute noch weiter Richtung Tanabru fahren. Und so geht es zurück. Auf dem Weg haben wir einen guten Blick in die Bucht. Und da sehe ich doch eindeutig immer etwas aus dem Wasser springen. „Was geht denn da?“, frage ich verwundert „Wale!“ Wir rennen runter zum Wasser, um uns das Spektakel genauer anzuschauen. Je näher wir kommen, desto unsicherer bin ich mir, ob es wirklich Wale sind.

„Schau mal“, sagt Elke, während sie mir die Kamera hinhält. Es sind tatsächlich keine Wale. Es sind Robben. Robben, die mit voller Inbrunst durch die Bucht jagen und dabei aus dem Wasser geschossen kommen, wie in einem Freizeitpark. Genial. Normalerweise sieht man immer nur den Kopf, der stoisch aus dem Wasser guckt. Aber so etwas habe ich noch nie gesehen. Die Halbinsel Varanger macht uns den Abschied noch einmal schwer. Oder besonders schön. Wir wissen es nicht genau. Vor uns liegen etwa zwei Tage Fahrt bis nach Hammerfest.

Unsere erste Station verpasst? Hier entlang zur Landschaftsoute Varanger.

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2 Kommentare

  • Antworten
    Jürgen Reinert
    21. Juli 2018 um 18:31

    Hi, wann wart ihr in Berlevåg? Wir haben gerade am 17.07. wegen angekündigten 28 Grad die Fahrt dorthin um einige Tage verschoben und uns bei Ekkerøy bei ca. 20 Grad vor der Hitze versteckt und ihr schreibt am 15.07. von Schneeschauern.
    Der Bericht ist sehr schön und eindrucksvoll geschrieben.
    Wir folgen euch!

    • Antworten
      thenorthtraveller
      22. Juli 2018 um 19:32

      Hei,
      wow, 28 Grad! Das kann man fast nicht glauben, wenn man bedenkt, dass wir vom 09.-11.06. in Berlevag waren. Aber bei solch hohen Temperaturen hätte ich mich wahrscheinlich auch auf Ekkeroy bei angenehmen 20 Grad versteckt! Viel Spaß noch und hoffentlich nicht zu gutes Wetter 😉
      Beste Grüße
      Steffi

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