Norwegen Sogn og Fjordane

Lihesten – Auf der Suche nach Freiheit

Während meine Gedanken sich nur darum drehen, nicht nach unten zu schauen, klammern sich meine Hände an den Stein. Meine Augen scannen jede neue Möglichkeit, wo mein nächster Schritt sicheren Halt findet. „Nur noch ein Stück, dann hast du es geschafft!“ Als ich das letzte Hindernis überwinde, merke ich die Erleichterung in meinen Gliedmaßen. Unvorstellbar, dass es tatsächlich einen Weg zwischen diesem riesigen Felsmassiv gibt. Ich drehe mich um und da ist sie – eine wahnsinnig schöne Aussicht. Ohne weiter darüber nachzudenken, dass wir hier auch wieder runter müssen, genieße ich erstmal. Erstmal…

Die Sonne glitzert hoch am azurfarbenen Himmel, Vögel zwitschern freudig erregt vor sich hin und wir stehen gespannt vor unserem Auto und blicken auf unser heutiges Ziel – der Lihesten. Es ist so ziemlich genau sechs Jahre her, da standen wir direkt hier schon einmal. Damals, ein wirklich sehr verregneter Urlaub, nutzten wir den ersten Sonnentag für diese Wanderung. Etwa auf halber Strecke dann kam das Aus. Es ging nur noch über Seile weiter. Mutti und Micha waren schon vom Anblick kreideweiß geworden, Papa und ich kletterten den ersten Abschnitt nach oben. Aber wir wussten, die beiden bekommen wir hier nie hoch. Noch währenddessen schlenderte ein norwegische Familie an uns vorbei. Und zack zack waren sie mit ihren beiden kleinen Kindern über die Seile verschwunden.

Nun, sechs Jahre später, wissen wir von einem Weg ohne Seile. Wenn man jedoch auf dieses massive Felsplateau schaut, ist ein Hochkommen scheinbar unmöglich. Aber wir haben den Willen, es dieses Mal zu schaffen. Der Weg startet recht entspannt durch den Wald. Über die heruntergefallenen Kiefernadeln laufe ich schwebend weich bis der Anstieg ganz allmählich so steil wird, dass ich mich auf einmal schnaufend angestrengt wiederfinde. Kleine Lücken zwischen den Bäumen laden hier und da zu einer willkommenen Pause ein. Heute ist es besonders warm. Und so laufen wir keuchend bergauf bis plötzlich ein donnernder Lärm heranrollt. Eigentlich wollte ich gerade „Achtung, Steinschlag!“ brüllen, doch dann sehe ich etwas Braunes zwischen den Bäumen hervorblitzen. Eine beachtliche Hirschkuh steht mitten im Wald und schaut zu uns runter. Nach dem Motto  „Was schnauft ihr denn hier so rum?“, wendet sie sich ab und rennt mit ebenso einem lauten Getöse den Berg nach oben. „Deine Beine sind auch viel länger!“, denke ich und laufe weiter.

Der erste Stopp eröffnet uns eine erste wunderschöne Aussicht

Nach dem wir die Baumgrenze hinter uns lassen, haben wir erstmals freien Blick auf den Fjord. Eine Pause muss her, um diese Aussicht auf uns wirken zu lassen. Danach gelangen wir zu den Wegweisern, wo wir damals dem falschen Weg gefolgt sind. Es geht also weiter Richtung Nipebustien. Der Weg entwickelt sich mehr und mehr zu einem Pfad. Prächtig wachsende Farne verschleiern die Steilheit des Geländes. Die ganze Zeit haben wir freien Blick auf den ins Meer mündenten Sognefjord, während wir uns allmählich dem Felsmassiv nähern. Noch immer ist es mir rätselhaft, wo dort ein Weg hiauf führen soll. Doch es dauert nicht lange, bis wir da sind.

Ich muss meinen Kopf fast komplett in den Nacken werfen, um den Weg zu begutachten.“ Wow! Das nenne ich mal steil.“ Schritt um Schritt kämpfen wir uns nach oben. Jetzt bin ich ganz froh, dass ich lange Beine hab – zwar nicht so lang, wie die der Hirschkuh, aber dennoch hilfreich genug, um über die großen Felsbrocken zu klettern. Ein falscher Schritt zwischen dem Geröll und es geht abwärts. Ich versuche mich zu konzentrieren, aber unbeirrt geistert mir der Song „I want to break free“ im Kopf herum. Wahrscheinlich eine Art meines Verstandes, mich von unangenehmen Gedanken zu befreien. Gefühlte 30 Minuten später haben wir es geschafft. Ich blicke zurück. Zwischen den zwei Felsen kann man nur erahnen, wo es abwärts gehen soll. Aber die Aussicht ist atemberaubend!

Unser Weg führt uns weiter über das Plateau, vorbei an einem See und einigen Hütten bis auf die andere Seite. Preikestolen lässt grüßen. Keine viereckige Kanzel, aber genauso gerade abfallend. Gerade eben noch streifen unsere Blicke über den Sognefiord, nun erstrahlt der Åfjorden vor uns in seinem schönsten Blau.“Ich kann die Unendlichkeit sehen!’“Alle Strapazen fallen ab und ich genieße diesen unfassbar schönen Anblick. Die Zeit vergeht, wie immer, im Nu und der Gedanke des Abstiegs rückt wieder näher.

„I want to break free!“

Ich entscheide mich, die schlimmen Stellen rückwärts zu laufen, um den Blick in den Abgrund zu vermeiden. Und tatsächlich ist es gar nicht so schlimm, wie erwartet. Als wir wieder sicheren Boden unter den Füßen haben, lässt die Konzentration allerdings doch so langsam nach.

Etwas matschig, ausgelegt mit Steinen, liegt der Weg nun vor uns. Nicht vergleichbar mit dem, was wir bereits hinter uns haben. Dennoch nicht weniger „gefährlich“. Gerade als ich mich umdrehe, sehe ich einen beherzten, elfenhaften Sprung von Mutti. Ihr Ziel ist der nächste Stein, um dem Matsch auszuweichen. So leichtfüßig der Sprung, so hart die Landung. Während der Stein im Schlamm versinkt, schwallt eine riesige Wasser-Matsch-Fontäne zu allen Seiten heraus. Auf eine kurze Stille, schauend, dass auch nichts passiert ist, bricht schallendes Gelächter los.

Als wir wieder den weichen Waldboden erreichen, denke ich nochmal zurück. Einen so steilen Weg sind wir selten, wenn sogar noch nie, gelaufen. Da können wir schon stolz sein. „I want to break freeehe….“ Ich merke, wie ich auf etwas unebenes trete und dieses Etwas plötzlich anfängt, samt meines Fußes wegzurollen. In Zeitlupe beginne ich zu realisieren, dass ich mich dem Boden unaufhaltsam nähere. Um meine Kamera zu schützen, die um meinen Hals hängt, ziehe ich meine rechte Hand nach oben und falle auf den doch nicht so weichen Waldboden. Ein blöder Tannenzapfen! Unglaublich! Das Gelächter habe dieses Mal ich auf meiner Seite und als kleines Souvenir einen blauen Fleck am Ellenbogen. Zum Glück war die Konzentration an den wichtigen Abschnitten zur Stelle.

Am Auto angekommen, blicke ich ein letztes Mal nach oben. Das Massiv thront über uns. Ja, dieses Mal konnten wir dich bezwingen. Du hast uns Grenzen aufgezeigt, aber auch die Natur in ihren schönsten Facetten vor uns ausgebreitet. Die Weite, die wir bestaunen durften und die Stille, die uns währenddessen umgab. Und mein Verstand hatte auf eine verrückte Weise die ganze Zeit recht – am Ende fühlt man sich einfach nur frei.

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2 Kommentare

  • Antworten
    Tobbi
    21. Oktober 2017 um 20:05

    Sehr schöne Tour 🙂

    • Antworten
      thenorthtraveller
      21. Oktober 2017 um 22:52

      Hey Tobbi, das stimmt. Wirklich sehr zu empfehlen 😉

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