Norwegen Roadtrip Varanger

8400 Kilometer durch den Norden – Landschaftsroute Varanger

1. Station – Von Varangerbotn bis Hamningberg

Morgens erwachen wir im Auto, geparkt zwischen Campingwagen, mitten am Inarisee. Drei Tage Fahrt liegen bereits hinter uns, aber heute werden wir endlich unser erstes Ziel erreichen – die Halbinsel Varanger. Erstmal gibt es jedoch Kaffee. Und eine 10-Kilometer-Wanderung zur Wildniskirche. Lotti ist froh, sich mal so richtig austoben zu können und wir freuen uns auch, die Beine mal mehr zu bewegen als Kuppeln, Bremsen und Gas geben.

Die ersten 2.500km sind wir recht zügig durchgefahren, um mehr Zeit im Norden verbringen zu können. Den holprigen Start mit Stau und Brückensperrung auf Rügen, der Ankunft an der Fähre 12 Minuten vor Abfahrt, der ersten Begegnung mit Rentieren, die mit den Worten „Guck mal da, ein Elch! Ein Weißer!“ angekündigt wurden, die unzähligen verschiedenen Landschaftstypen, die Fahrt gen Norden am Abend, die zwischen „Oh Gott, das ist so wahnsinnig schön“ und „ Sch…, ich seh überhaupt nichts mehr“ schwanken, lasse ich einfach mal raus. Das würde wohl den Rahmen sprengen.

Die Landschaftsroute Varanger

Wir erreichen Varanger am Nachmittag und werden erstmal mit einem ordentlichen Schauer begrüßt. Entlang der Landschaftsroute entdecken wir die Kirche von Nesseby. Sie liegt mitten im Fjord und erinnert mich eher an eine Szene aus einem Mystery-Film. Wir halten, jedoch nicht lange, denn der nächste Schauer, der naht, lässt uns schnell zurück zum Auto sprinten. Vom Auto aus können wir genau zählen, von wie vielen Schauern wir umgeben sind. Nirgends war ich bisher so fasziniert vom Wetter wie auf Varanger. In Vadsø gehen wir erst einmal einkaufen und da es neben Regen und Hagel auch unheimlich windet, gönnen wir uns einen Burger im Inneren eines Hauses.

Einen Schlafplatz finden wir bei Kiby direkt an der Küste. Ein Abendspaziergang wird es noch, allerdings treibt uns die Kälte und die Müdigkeit zurück zum Auto. Sich innerhalb von vier Tagen von 30° auf 5° Grad inklusive eisigem Nordwind einzustellen, ist gar nicht so einfach. Papas Wollpullover, zwei Schlafsäcke und eine ganze Menge Decken bescheren uns trotzdem eine warme Nacht. Am nächsten Morgen ist es schon fast zu warm. Ich schmeiße die Decken von mir, während draußen der stetige und wahrscheinlich immer noch eisige Wind am Auto ruckelt. Ab und zu lugt die Sonne hinter den Wolken hervor, was wohl zur angenehmen Wärme im Auto geführt hat. Zwischen Sonne, Regen und Hagel – und natürlich dem Wind – machen wir uns fertig, um dann nach Ekkerøy aufzubrechen.

Die Vogelinsel Ekkerøy

Die kleine Insel bei Vadsø beherbergt unzählige Vogelarten und trotz fehlendem, fotografischen Equipment (Mega-Zoom-Objektiv) begeben wir uns auf die Suche nach einem Seeadler. Am Parkplatz angekommen, sind bereits einige Vogelbeobachter mit dem richtigen, fotografischen Equipment vor Ort. Es gibt mehrere kleine Wanderwege, die über und um die Insel führen. Zunächst laufen wir den anderen nach, jedoch endet der Weg nach etwa 500 Metern in lautem Vogelgeschrei. Gefühlt sitzen und nisten Abermillionen Möwen an der Klippe und schreien, was das Zeug hält. Ein Schaf mit zwei Lämmern schaut hilflos nach oben und findet keinen Ausweg. Oder sie denkt dasselbe wie ich – bloß keine Möwenkacke abbekommen.

Wir laufen zurück zum Ausgangspunkt und folgen den nächsten Schildern über die Insel. Entlang der Klippen geht es ein kurzes Stück aufwärts, den Wind stetig im Gesicht. Wir entdecken einen Kadaver, womöglich von einem jungen Rentier und hoffen, dass die Seeadler ganz in der Nähe sind. Doch bis auf Überbleibsel aus dem zweiten Weltkrieg und noch mehr Möwen sehen wir nichts. Nach etwa 2 Stunden kehren wir zum Auto zurück. Und gerade, als wir einsteigen, taucht über uns die große Silhouette auf. Na bitte, ein Seeadler – und noch einer und noch einer. Die Kamera ist natürlich schon eingepackt… Aber man muss ja nicht alles auf Fotos festhalten, deswegen genießen wir den Moment einfach so.

Vardø – die östlichste Stadt Norwegens

Unser nächstes Ziel ist Vardø. Entlang der Landschaftsroute, die sich mal kurvig, mal schnurgerade durch die karge Landschaft erstreckt, entdecken wir immer wieder Rentiere. Mal zwei, mal zwanzig. Schon jetzt sind wir einfach nur fasziniert von dieser Vielfältigkeit. Bald erreichen wir Vardø. Durch das Maul eines Fisches, welches in einem Tunnel endet, gelangen wir auf die vorgelagerte Insel. Alte und neue Häuser säumen das kleine, verschlafene Fischerstädtchen. Das erste Mal realisieren wir so wirklich, dass vor uns die weite Barentssee liegt. Heute macht sie ihrem Namen alle Ehre.

Zunächst fahren wir zum Kunstwerk Drakkar. Ein Mix aus verfallenem Wikingerschiff, Dinosaurier und Wal, welches aus dem Meer empor steigt und den Fischern den Weg nach Hause weist. Keine Frage, dieses Monument inmitten dieser Landschaft ist wirklich beeindruckend. Im Ort befindet sich auch die nördlichste Festung der Welt – Vardøhus festning. Die achteckige Anlage wurde im 14. Jahrhundert erbaut und sollte die gesamte Region vor russischen Angriffen schützen. Heute ist Vardø auch bekannt durch Street Art. Erstmals im Jahr 2012 versammelten sich Künstler aus aller Welt hier, um dem Ort noch einmal neues Leben einzuhauchen. Dabei kann man an vielen Stellen in der Stadt kritische, aber auch lustige Kunst aller Art entdecken.

Als wir gerade an meinem Lieblingshaus ankommen, es ist nämlich verziert mit Walen, zieht ein kurzer Schauer an uns vorbei. Hinter uns baut sich plötzlich ein Regenbogen auf, der so nah ist, dass wir das Gefühl haben, wir könnten ihn berühren. Der Himmel über Vardø schwankt noch immer von bedrohlich, einschüchternd bis sonnig, gemütlich. Aber wir trennen uns von dem faszinierenden Ausblick auf die Stadt und fahren weiter.

Hamningberg und eine Straße zum Bangen

Weiter geht es nach Hamningberg, wo heute unser Schlafplatz sein soll. Und ab hier – was soll ich sagen – wird die Straße dann so richtig interessant. Eine ausgebaute, zweispurige Straße? Fehlanzeige. Allerdings ist es die ersten 15 Kilometer nicht wirklich schlimm, da es gefühlt nur geradeaus geht. Als jedoch das Schild kommt, welches besagt, schmale Spur (3m breit) und kurvig auf den nächsten 28km – drive carefully – müssen wir schmunzeln. Und ganz plötzlich fühle ich mich wie auf einem anderen Planeten. Die Zeit hat die Gegend unwirklich gemacht. Scharfkantige Steinplatten ragen steil aus dem Boden nach oben. Es wirkt fast wie eine Drohung. Sonne und Wolken malen eine verrückte Lichtstimmung in die Landschaft und der Wind hat das Meer schäumend aufgepeitscht. Sonderlich einladend wirkt die Szenerie nicht. Und mitten drin eine schmale, kurvige Straße auf der einsam ein Auto fährt- wir!

Gefangen zwischen Euphorie und Furcht erreichen wir eine gefühlte Ewigkeit später Hamningberg. Abseits der Straße finden wir einen schönen Stellplatz. Ein Moment des Innehaltens. Was ist das nur für ein krasses Gefühl?! Scheinbar irgendwo zwischen Erde und Mond gelandet zu sein. Wo der Wind so laut stürmt, dass man nicht mal mehr seine eigenen Gedanken hören kann. Breite Sonnenstrahlen kämpfen sich durch die scheinbar undurchdringbare Wolkendecke und erhellen die aufgeschäumte Barentssee. Unbeschreiblich.

Zum Kochen fahren wir zurück auf einen Parkplatz. Ein Schauer naht, den wir noch abwarten. Und plötzlich kommt vor uns eine Rentierherde über den Hügel gelaufen, vorbei am Friedhof, direkt zu dem Platz, wo wir vor zehn Minuten noch mit dem Auto standen. Mist! Und erneut muss ich mich fragen, wo genau wir hier eigentlich gelandet sind. Sind wir noch auf der Erde?

Nach dem Essen stellen wir uns wieder an den ursprünglichen Platz, toben noch ein wenig mit Lotti und fallen mit Blick auf die tosende See in tiefen Schlaf. Um so überraschter sind wir am nächsten Morgen. Die Sonne scheint, es ist windstill und sogar das Meer hat sich beruhigt. Unwirklich und bedrohlich wirkt hier gar nichts mehr. Es scheint, als wären wir zurück auf der Erde.  Zum ersten Mal lassen wir uns zum Frühstück so richtig Zeit und genießen die Wärme der Sonne.

Kurze Wanderung zur Åmen-Höhle

Ein Spaziergang entlang der Küste steht als Nächstes an. Ein genaues Ziel haben wir nicht. Und so geht es über kleine, mittlere und große Steine den Strand entlang. Neben Treibholz, Muscheln und Seeigeln gibt es kaum Müll. Das habe ich an norwegischen Stränden schon ganz anders erlebt. Eigentlich suchen wir Reste einer samischen Siedlung, die es hier wohl irgendwo geben muss. Jedoch finden wir nur eine Höhle mit dem Namen Åmen. Sie wirkt mit den bunt angeschriebenen Namen, Liebesbekennungen und Sprüchen ein bisschen hippiemäßig. Ovn, so soll dieser Ort hier heißen, aber bis heute haben wir nicht rausgefunden, ob diese Höhle eine bestimmte Bedeutung hat.

Für Lotti ist die kleine Wanderung gut anstrengend. Über die Steine muss jeder Schritt gut überlegt sein – vor allem, wenn man vier Beine hat. Und so geben wir die Suche nach der samischen Siedlung auf und drehen um. Auf einem angeschwemmten Baumstamm genieße ich nochmal den Blick auf die Barentssee, während Lotti sich an meine Beine schmiegt und Elke nach Treibgut Ausschau hält. Salzige Luft fließt durch meine Lungen, der aufkommende Wind treibt mir Tränen in die Augen. Als würde er sagen, „Hey, es ist so schön hier! Du darfst gerne mal ein Freudentränchen vergießen!“

Das nicht ganz verlassene Fischerdorf Hamingberg

Zurück am Auto, besuchen wir noch das verlassene Fischerdörfchen Hamningberg am Ende der Welt. Die kleine Ortschaft scheint jedoch alles andere als verlassen. Etwa 30 Häuser verteilen sich entlang der Straße und sogar eine kleine Kirche finden wir am Rand des Dorfes. In jedem der Häuser ist Bewegung. Mitten zwischen ihnen stehen Rentiere und grasen, während auf dem Spielplatz Kinder Fußball spielen. Hier ist tatsächlich reges Treiben, auch am Ende der Welt. Im Winter soll der Ort meist abgeschnitten und nur mit Schneemobil erreichbar sein. Im Sommer, so scheint es jedoch, entpuppt sich das kleine Dörfchen als Feriendomizil. Aber ganz ehrlich, hier würde ich mich im Sommer auch niederlassen. In dem kleinen, roten Häuschen am Ende der Straße, mit Blick auf die Barentsee, die Tag für Tag ihr Gesicht ändert und die Stille genießen.

Vom Traum zurück in die Realität. Unsere Reise führt uns weiter. Die Straße zurück nach Vardø wirkt heute wie eine Andere. Es ist Wahnsinn, wie schnell sich Wetter, Meer und das Gefühl für eine Landschaft innerhalb kürzester Zeit ändern können. Das Bild dieser faszinierenden Landschaftsroute verändert sich jeden Kilometer, jede Minute. Und wir sind euphorisiert – und gespannt auf die andere Seite von Varanger. Denn unser nächstes Ziel soll Berlevåg sein.

Hier geht es zur nächsten Station unserer Reise – Berlevags einsame Küsten

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2 Kommentare

  • Antworten
    Katja | Hin-Fahren
    10. Juli 2018 um 20:09

    Hallo
    was für schöne Fotos. mein Beitrag zu Varanger ist noch in der Pipeline, vielleicht schaffe ich es diese Woche. Das Foto der Kirche ist fast gleich (einfach ein tolles Motiv). Das Kunstwerk in Vardø habe ich leider verpasst, das ist wirklich ein super Motiv. Unser Wetter war schlechter, unsere Eindrüclke ähnlich und doch ganz anders. Bin mal gespannt was Du sagtst. Freue mich schon auf den nächsten Beitrag. Katja

    • Antworten
      thenorthtraveller
      15. Juli 2018 um 10:30

      Hallo Katja,
      vielen Dank. Motive gibt es ja so viele Schöne auf Varanger. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Eindrücke sehr unterschiedlich sein können. Alleine bei uns war schon der Hin- und Rückweg nach Hamningberg ein Unterschied wie Tag und Nacht 🙂 Ich freue mich schon auf deinen Bericht und wie du diese wunderschöne Halbinsel wahrgenommen hast.
      Beste Grüße
      Steffi

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