Møre og Romsdal Norwegen

Knubben – Der Blick in die Unendlichkeit

Still stehe ich am Gipfel. Meine Augen folgen dem Weg zum Abgrund, während meine Füße einen festen Stand suchen. Ich spüre meinen Atem, der sich langsam vom letzten Anstieg erholt. Der Wind umspielt meine Hände, als würde er mich weiterziehen wollen. Entlang des Gipelpfades. Doch ich stehe fest und mein Blick richtet sich nach vorne. Hinter dem Abgrund öffnet sich eine neue Welt. Unendliche Weite. Das Meer liegt scheinbar bewegungslos vor mir. Es vereinigt sich mit dem Himmel und es scheint, als würde es keinen Horizont geben, der allem eine Grenze setzen würde. Und so stehe ich hier, schaue auf die Unendlichkeit und fühle mich frei – einfach nur frei.

Früh morgens nehmen wir die Fähre von Hennset nach Arasvika. Weiter geht es auf die Insel Tustna. Die Straße führt uns direkt am Meer entlang, wo wir rote Fischerhäuschen, kleine Häfen und wunderschöne Buchten entdecken können. Ein kleiner Vorgeschmack dessen, was noch kommen sollte. An der Rv680 steht ein kleines Schild, was den Parkplatz markiert. Zunächst fahren wir daran vorbei. Wenn ihr also in Leira ankommt, seid ihr bereits zu weit.

Wir stellen die Autos ab und starten unsere Wanderung auf den Knubben. Das Wetter ist herrlich. Die Sonne scheint bei 22 Grad und obwohl wir direkt an der Küste sind, ist uns der Wind gnädig. Nach den ersten Metern im Wald wird es gleich interessant. Seile hängen den Fels hinab. Das ist ja nun nichts Neues mehr und so schwingen wir uns leichtfüßig noch oben. Das Fjell ist schnell erreicht und nun ja, es wird mal wieder moorig. Die letzten Wanderungen waren sehr nass und haben meinen Wanderschuhen gut zugesetzt. Also versuche ich, möglichst jedem wasserreichen Untergrund aus dem Weg zu gehen. Einfacher gesagt, als getan. Während die Familie schon einige hundert Meter weiter ist, versuche ich, mehr oder weniger elegant, mit großen Schritten und beherzten Sprüngen nicht im Nass zu landen. Eine unmögliche Mission. Und so dauert es nicht lange, bis sich bei jedem Schritt Wasser zwischen meinen Zehen nach oben drückt.

Vorbei am See Vattalivatnet startet die Steigung. Unbarmherzig geht es steil nach oben. Im Augenwinkel sieht man mehr und mehr von der unendlichen Weite des Ozeans und so werden auch die Pausen immer öfter und länger. Seinen Blick abzuwenden fällt schwer. Und die Aufregung, den Gipfel zu erreichen, um den kompletten Rundumblick zu sehen, steigt. Auf einem kleinen Absatz legen wir eine Pause ein. Die Inseln Smøla und Hitra sind gut zu erkennen. Von hier wirken sie so flach, dass ich denke, sie werden bei der nächsten Flut überspült. Wir genießen die Aussicht auf die Schärenlandschaft. Und stärken uns für den nächsten Anstieg.

Gefühlt wird der Weg immer steiler. Ich benutze schon meine Hände, um nach oben zu krabbeln. Es wird so steil, dass man denkt, wenn man sich nach hinten lehnt, fällt man. Zumindest nach der Aussage einiger Mitstreiter. Ganz so schlimm ist es natürlich nicht, aber unter der Wärme der Sonne verlangt es uns einiges ab. Auf dem nächsten Abschnitt wird es wieder flacher. Wolken, die vom Festland herüberziehen, schieben sich immer öfter vor die Sonne. Und aufgrund der Anstrengung, bin ich auch etwas froh darüber. Auch der Wind nimmt an Intensität zu. Manchmal hört es sich schon fast gefährlich an, wenn er über die Felsen schweift.

Ein paar Kilometer weiter liegen plötzlich große Steine vor uns. Ich frage mich, wo sie herkommen. Der Gipfel ist in Sichtweite und bei den wenigen Höhenmetern ist ein Felsabbruch völlig unmöglich. Ein kleine Nische vor uns lenkt mich jedoch von der Frage ab. Als ich näher komme, sehe ich, dass es dahinter geradewegs abwärts geht. Einen Schritt weiter und ich würde ins Leere treten. Am Gipfelgrad geht es weiter. Kletternd über die Steine sehe ich bereits das Gipfelkreuz – besser gesagt, den aufgetürmten Steinhaufen, der den Gipfel markiert.

Was die Natur geschaffen hat, überwältigt uns immer wieder

Wir sind angekommen. Eine wunderschöne 360 Grad Aussicht breitet sich vor uns aus. In einem Moment der Stille blicken wir in die Ferne und saugen dieses unbeschreibliche Gefühl ins uns auf. Schneebedeckte Berge, gefolgt von winzigen Inseln, die sich bis über das Meer erstrecken, um schließlich in die Unendlichkeit zu münden. Einfach atemberaubend. Und für den Moment vergesse ich alles um mich herum. Gelöst von Gedanken, genieße ich das, was die Natur geschaffen hat.

Bis die Frage aufkommt, wie weit wir noch zu gehen haben, denn aus der Richtung des Windes sehen wir düstere Wolken herannahen. Man kann gut erkennen, dass ein dunkler Streifen bis auf den Boden fällt. Regen wird aufziehen. Eigentlich wollen wir den Rundweg laufen, aber das Wetter macht uns einen Strich durch die Rechnung. Zurückschauend wissen wir, dass der steile Weg einigen arge Probleme machen wird. Nach vorne schauend, sehen wir einen schmalen Bergpfad, der sich, links und rechts abfallend, nach unten schlängelt. Wir wissen, dass von diesem wieder ein Weg nach unten führen soll. Und nach einigem Hin- und Herüberlegen entscheiden wir uns dann auch für diesen.

Völlig fasziniert von der Landschaft und dem spannungsreichen Weg, schlängeln wir uns allmählich bergab. Über weite Wiesen und steinige Schutthaufen, durch kleine Birkenwälder bis zum immer wieder auftauchenden Matschboden. Bevor es schnurgerade und steil durch den Wald nach unten geht, ist bereits jeder, bis auf Papa, schon einmal ausgerutscht. Blaue Flecken erinnern uns noch eine Woche später an den Abstieg. Und wir dachten, der Aufstieg sei schon steil gewesen…

Auch der Abstieg verlang uns viel ab

Micha und Susann sind bereits vorgelaufen, um das Auto zu holen, welches etwa vier Kilometer entfernt auf dem Parkplatz steht. Und als wir am Ende des Weges in Leira ankommen, sind sie schon da, um uns abzuholen. Gerade richtig, denn das Regenband hat uns eingeholt. Wasser auf den Steinen hätte uns sicherlich noch mehr blaue Flecken beschert.

Wir halten noch einmal in Leira am Supermarkt und gönnen uns ein Eis. Nebenan gibt es einen kleinen Trödelladen, in dem es auch selbstgestrickte Strümpfe, Handschuhe, Pullover und Mützen gibt. Selbstgestrickte Mützen! Natürlich kann ich nicht daran vorbeigehen. Nun nenne ich eine weitere, wunderschöne Mütze mein Eigen. Ich empfehle euch, dort auch einmal zu halten.

Die Daten sind wie folgt: 13,1 km Länge bei einem Gesamtanstieg von 694m. Spektakulärer Weg, wunderbare Aussicht und somit meine absolute Empfehlung.

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2 Kommentare

  • Antworten
    Sissi Munz
    24. Juli 2017 um 18:17

    Hallo, ich bin zwar nicht der Typ, den es in die kühlen Länder zieht, bin aber dennoch fasziniert von der Landschaft. Die Lofoten würden mich schon reizen. Durch deine Berichte kommt man auf den „Geschmack“ lg Sissi

    • Antworten
      thenorthtraveller
      24. Juli 2017 um 18:57

      Vielen Dank, Sissi! Landschaftlich sind die Lofoten einfach wunderschön. Ist auf jeden Fall eine Überlegung wert, dort einmal hinzureisen 😉

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