Norwegen Sogn og Fjordane

Austerdalsbreen – Eine Liebesgeschichte

In Wolken gehüllt, strecken sich Odin und Tor hinab und vereinigen sich am Fuße zum gewaltigen Gletscherarm Austerdalsbreen. Regenwolken hängen über dem Tal und treiben mir kalte Tropfen ins Gesicht. Unter der dünnen, verschmutzten Schneedecke schimmern tiefblaue Gletscherspalten. Trotz der imposanten Aussicht verweilen wir nicht lange. Der eisige Wind schiebt uns förmlich zurück, kriecht unter unsere Sachen, in unsere Glieder. Es fällt uns schwer, Abschied zu nehmen.

Von der Route 55 folgen wir bei Hafslo der Straße 337 nach Veitastrond. Bereits hier beginnt das Erlebnis. Wir fahren entlang des Sees, die Straße wird immer schmaler und dunkle Tunnel scheinen uns zu verschlingen. Viele von ihnen sind nicht beleuchtet und im Scheinwerferlicht des Autos hoffen wir, keinen Gegenverkehr zu begegnen. Ein wenig fühle ich mich, wie in einem Horrofilm, während das Licht an den scharfkantigen Felsen vorbeiflieht. Ich spüre die Erleichterung, als wir in Veitastrond ankommen.

Am Ende der Straße befindet sich ein Bomveg. 50 NOK in den Umschlag, Kennzeichen notiert und weiter durch das Tor. Mitten auf der Straße stehen vier junge Kühe, die etwas panisch vor unserem Auto umherrennen, obwohl wir nur 5km/h fahren, um den Schlaglöchern noch rechtzeitig ausweichen zu können. Als wir an den Kühen vorbei sind, rennen sie wieder auf die Straße, direkt vor Susanns Auto. Mit geringer Geschwindigkeit geht es weiter bis Tungestølen zum Parkplatz vor der Brücke.

Weiter oben entsteht gerade eine neue Touristenhütte, futuristisch gestylt im holzigen Naturlook. Unser Weg führt jedoch direkt hinter der Brücke nach rechts weg. In den vergangenen Tagen hatte es viel geregnet, was wir im ersten Abschnitt des Weges deutlich merken. Matschig flatschend bahnen sechs Leute sich den Weg über herablaufendes Wasser, Pfützen und Moor. Teilweise steinig bis steil, was dem ein oder anderen auf dem Rückweg leichte Schwierigkeiten gemacht hat. Ich nenne natürlich keine Namen!

Wir lassen den steileren Abschnitt hinter uns und haben nun einen freien Blick über das gesamte Tal. Es ist schon Wahnsinn, wie winzig man sich inmitten dieser imposanten Berge fühlt! Zunächst passieren wir eine kleine Brücke und laufen dann weiter auf einem Steinweg an kleinen Birkenwäldchen vorbei. Immer wieder teilt sich der Weg und lässt die Entscheidung offen – leicht oder schwierig!?

Auf einem kleinen Hügel höre ich Micha rufen „Stopp!“. Erschrocken schaue ich zurück. „Papa hat seine Videokamera verloren! Sie sind nochmal umgekehrt und suchen…“ Also warten wir, jeder versunken in seinen Gedanken. Werden sie sie wiederfinden? Ist sie noch ganz geblieben? Ist der Urlaubsfilm dahin? Wird Paps damit fertig? 10 Tage Norwegen sind bereits vergangen und man muss sich vorstellen, man verliert sein liebstes Spielzeug… Nach etwa 15 Minuten die vorläufige Erlösung. Wir sehen zwei blaue Rucksäcke durch den kleinen Birkenwald stapfen. Mutti gibt uns das hektische Zeichen, wir sollen weiterlaufen. Ohje, ist sie wirklich weg?

Sie haben sie gefunden, im Bach. Papa wirkt geknickt, kann aber wenigstens noch Scherze machen – „Jetzt haben wir eine Unterwasserkamera!“ Und daheim konnten wir auch den Film retten. „Zum Glück ist ja bald Weihnachten!“ Unser Leitspruch, für alles, was diesen Urlaub so kaputt gegangen ist.

Wir laufen also weiter und weiter. Hier ist alles noch so richtig ursprünglich, wir begegnen kaum Menschen und die Pfade sind noch nicht durch Teerwege ersetzt. Immer mal wieder nieselt es, doch am Ende des Tals schaut die Sonne raus. Das Ziel treibt uns an, trotz herber Verluste. Das letzte Stück führt bergauf. Man kann das Eis schon förmlich riechen.

Oben am Pass steht ein Gedenkstein von William Cecil Slingsby, der diesen Ort als „Die schönste Eisszenerie Europas“ beschreibt. Und ja, da hat er absolut recht.

Sobald wir nach links in das nächste Tal schauen können, steigt die Spannung. Erste Ausläufer des Gletscherwassers sammeln sich unterhalb von uns in allen Blaunuancen in kleinen Becken. Je weiter wir laufen, desto mehr Einblick bekommen wir. Erst die Zehenspitzen, dann das gesamte Bein bis sich der Austerdalsbreen schließlich in seiner vollen Schönheit präsentiert. Ein Schleier verdeckt Odin und Tor, doch in mitten eines Herzens entspringt der gigantische Gletscherarm!

Eiskalter Wind zieht plötzlich auf. Und obwohl uns die Sonne gelockt hat, fallen nun große Tropfen vom Himmel. Dick eingemummelt lassen wir uns dennoch nicht so einfach vertreiben. Eine Stulle, ein paar Fotos, kurz Innehalten und genießen. Plötzlich ein lautes Knarzen. Alle Blicke gehen zum Gletscher, doch er liegt genauso eingefroren da, wie zuvor. Mitten darauf liegen vereinzelt Steinbrocken, die uns, hätten wir davor gestanden, bei Weitem überragen würden. Wir fragen uns, wie lange der Gletscher sie schon nach vorne treibt. Ob sie einfach irgendwann von einer anmutig, blau leuchtenden Spalte verschlungen oder ganz sanftmütig am Ende abgelegt werden. Noch ein letzter Blick, bevor unsere tiefroten, kalten Hände uns doch zurückzwingen.

Auf halber Strecke blicken wir uns nochmal um. Die Sonne scheint wieder im hinteren Tal, während uns der zunehmend starke Wind zurückdrängt. Als würde sie den Gletscher wieder für sich haben wollen. Vielleicht hat sie die Liebesbotschaft in Form eines Herzens für ihn in den Fels gemalt, nicht wissend, dass genau sie irgendwann sein Ende sein wird.


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2 Kommentare

  • Antworten
    Patrick
    21. Januar 2018 um 16:48

    Hallo Steffi,
    Vielen Dank für die schönen Bilder und die tollen Tipps für Wanderungen. Diese hier kann ich auch empfehlen:
    https://www.visitnorway.de/listings/bergset-bergsetbreen-gletscher/33822/
    Parkplatz bei: N61° 38.651 E7° 10.213
    Nicht so anspruchsvoll aber eine ganz tolle Landschaft.
    Viele Grüsse, Patrick

    • Antworten
      thenorthtraveller
      21. Januar 2018 um 18:05

      Hallo Patrick,
      vielen Dank!
      Die Wanderung schreibe ich mit auf meine Liste 😉 Sieht auf den Fotos wirklich schön aus! Danke!
      Beste Grüße
      Steffi

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