Norwegen Sogn og Fjordane

Der Børestein – Wandern am Lusterfjord

Mitten auf dem Fels liegt er, der Børestein. Als hätte ihn jemand dorthin gelegt. Eine Einladung zum Verweilen. „Komm, setz dich und genieß die Aussicht.“ Er könnte wahrscheinlich tausend Geschichten erzählen. Von dem Tag an, an dem er hier gelandet ist. Von den Menschen und Tieren, die sich bereits zu ihm gesellt haben. Von der sich stetig veränderten Landschaft. Von der Ruhe. Von der Freiheit. Aber heute bleibt er stumm. Und so verweilen wir einfach stillschweigend nebeneinander und genießen die Aussicht auf den türkis leuchtenden Fjord.

Heute erstrahlt der Himmel in seinem schönsten Blau. So wie es die Vorhersage bestimmt hat. Also machen wir uns auf den Weg, um den Børestein zu erklimmen. Mit den Autos geht es zunächst nach Luster und von dort eine wirklich steile, steinige Straße nach oben zu Farm Berge. Ich bin froh, dass ich meinen 20 Jahre alten Polo mit seine 45 PS nicht hier hochfahren muss. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit hätte er es wohl nicht geschafft und ich hätte ihn unter Todesangst rückwärts wieder runterrollen lassen müssen.

Alternativ könnte man auch direkt unten vom Ort Luster aus starten. Aber die letzten Tage war es sehr aufregend bei uns. Susann ist bei einer Wanderung böse umgeknickt, was einen Tag für einen Arzt- und Krankenhausbesuch in Anspruch genommen hat. Zum Glück nichts gebrochen, aber sämtliche Bänder überdehnt. Ab sofort sollte sie den Fuß (eigentlich) still halten, mit dicker Schiene und Wanderstöcken als Stütze. Auch unsere Hundedame Lotti hatte scheinbar mit Muskelkater zu kämpfen und nicht mehr wirklich Lust zu laufen. Deswegen fiel die Entscheidung, von weiter oben aus zu starten.

Was eine aufregende Fahrt zur Farm Berge

An der Farm angekommen, sind gerade noch zwei der drei verfügbaren Parkplätze frei. Als kleine Gebühr fallen 50NOK für den Bauern an. Schon von hier aus haben wir einen unglaublichen Blick auf den Lusterfjord. Die alten Holzhäuser versprühen ihren ganz eigenen Charme und passen perfekt in die Landschaft. Dieser wunderschöne Ausblick wird uns noch den gesamten Weg begleiten. Ein paar Schön-Wetter-Wolken bedecken den azurfarbenen Himmel. Zunächst laufen wir auf recht unwegsamen Gelände steil durch den Wald nach oben. Susann und Lotti kämpfen sich mühsam nach oben. Bis wir schließlich eine Hütte erreichen, die ganz unscheinbar mitten im Wald ihren Platz gefunden hat.

Passend davor stehen zwei wackelige Bänke, welche wir für eine Pause nutzen. Die Aussicht ist atemberaubend. Und plötzlich ertönt ein tiefes, kurzes Röhren durch den Wald. Ein Elch? Micha und ich begeben uns auf die Suche. Nur was würden wir machen, wenn wirklich einer vor uns stehen würde? Wegrennen? Stehen bleiben? Ich würde vom ersten Schreck wahrscheinlich einfach nur in eine Schockstarre verfallen. Und bevor man so richtig realisiert, was gerade passiert, wäre er schon wieder im grünen Dickicht verschwunden. Wir finden allerdings keinen Elch, nur diesen wunderschönen Ausblick auf den Fjord, der uns ununterbrochen in seinen Bann zieht.

Die Gruppe wird kleiner

Hier fällt nun auch die Entscheidung, dass wir nur noch zu viert weitergehen. Susanns Fuß schmerzt und Micha bleibt bei ihr. Wir lassen Lotti auch dort. Sie wälzt sich im Gras und hat scheinbar nichts dagegen, noch etwas länger hier zu verweilen. Also machen wir uns auf den Weg. Der kleine Pfad führt zunächst geradeaus am Hang entlang zur rechten Flanke. Elke und ich sind schon ein Stück vorgelaufen. Wir kommen an einigen Stellen vorbei, wo der Weg leicht abfällt und ich hoffe, Mutti übersteht das sich neigende Gelände. Danach geht es stetig bergauf bis zum letzten anstrengenden Anstieg. Wir pausieren nochmal kurz und warten auf Mutti und Papa.

Von hier kann man den Felsvorsprung schon sehen. Und da schaut doch tatsächlich ein Schaf drüber, direkt zu uns runter. Wir hören die Glöckchen schon die ganze Zeit in der Ferne. Anscheinend wollen nicht nur wir die Aussicht von ganz oben haben. Die Ellis haben es geschafft und uns erreicht. Mutti sieht schon ein wenig blass um die Nase aus, möchte aber noch weitergehen, in der Hoffnung, es kommen nicht noch mehr Ecken mit dem „Abgrundblick“. Leider war die Hoffnung umsonst. Schon kurze Zeit später muss auch sie das Handtuch werfen. Es geht in steilen Serpentinen nach oben. Da wir die Baumgrenze bereits passiert haben, liegt der Blick nach unten immer wieder frei. Und es es gibt einige Passagen, da sind die Steine höher als die Hüfte.

Also geht es zu dritt weiter. Ich befürchte, dass sich die Wolken bald über den gesamten Himmel ziehen. Also schicke ich Elke zum Fotografieren vor, während ich mit Papa langsam hinterherlaufe. Es ist warm und auch er kämpft, aber ganz nach dem Motto „Ich werde nicht aufgeben, aber ich werde die ganze Zeit fluchen“ läuft er immer weiter. Und nach zwei Bandscheiben-OPs im letzten Jahr darf man ruhig fluchen. Schließlich kommen wir zur letzten Passage. Mein erster Gedanke – Wie zur Hölle ist Elke hier hochgekommen? Die Wanderstöcke lassen wir stehen. Ab jetzt brauchen wir auch unsere Hände. Und während wir nach oben klettern, frage ich mich, wie wir hier wieder runterkommen wollen. Egal. Augen zu und durch.

Der Blick vom Børestein ist atemberaubend

Und dann haben wir es endlich geschafft. Elke steht schon ganz vorne an der Felskante und winkt uns freudig zu. „Kommt! Das müsst ihr sehen!“ Vor uns eröffnet sich ein traumhafter Blick. Majestätische Berge, die uns noch immer bei weitem übertrumpfen. Sie erstrahlen in saftigem Grün, während sich auf ihnen kleine, weiße Schneetupfer verteilen. Zu ihren Füßen schlängelt sich der Fjord entlang, der diese unfassbare Farbe wiederspiegelt. Er leuchtet so türkis, dass es einem unwirklich vorkommt. Viele Wolken umgarnen mittlerweile den Himmel, umso schöner ist das Spiel der Sonne, die an unterschiedlichsten Stellen ihre Strahlen in die Landschaft streckt. Wunderschön. Und kaum in Worte zu fassen.

Ich beobachte das Lichtspiel in der Landschaft, während uns Elke alle in das Gipfelbuch einträgt und Papa meine Stullenhälfte isst. Die hat er sich auch verdient. Wer hätte gedacht, dass man mit einem so kaputten Körper solche Strecken laufen kann. Paps, ich bin stolz auf dich! Nun sitzen wir also zu dritt am Børestein und ich frage mich, wie hier, mitten im Nirgendwo, plötzlich dieser Stein herkommt. War es die letzte Eiszeit, die ihn hierhergetragen und liegengelassen hat? Oder hat er sich vom Gipfel gelöst und ist hierhin gerollt? Seine Geschichte wird er wohl für sich behalten. Aber eins kann ich mit Sicherheit sagen, er hat wirklich Glück gehabt. Jeden Tag zu sehen, wie die Sonne über die Berggipfel steigt, der Landschaft Leben einhaucht und den Fjord zum Leuchten bringt, während sich langsam der Wandel der Jahreszeiten vollzieht. Das kann nur Glück sein.

Leider geht es zurück nach unten

Schweren Herzens trennen wir uns von dieser unbeschreiblichen Aussicht. Denn es gibt noch welche, die sehnsüchtig auf unsere Rückkehr warten. Gleich zu Beginn müssen wir allerdings die zwei steilen Abschnitte passieren. Selbst Papa muss die „Muddi“ machen, was bei uns bedeutet, auf dem Arsch nach unten zu rutschen. Aber wir überstehen es ohne Ausfälle. Wir sind noch immer voll Euphorie als wir Mutti erreichen. Sie hat sich gerade mit zwei anderen Deutschen unterhalten, dessen Höhenangst scheinbar auch gesiegt hatte. Als wir an der Hütte ankommen, höre ich schon Lottis Gejaule. Sie hat uns bereits mitbekommen und rennt durch das Gestrüpp direkt zu uns, als hätten wir uns Jahre nicht gesehen. ‚Sei froh, dass wir dich hier gelassen haben‘, denke ich.

Nun sind wir wieder komplett und treten das letzte Stück zur Farm an. Runter geht es ja bekanntlich immer einfacher und so verfliegt die Zeit im Nu bis wir wieder an den Autos stehen. Sogar von hier kann man hochschauen. Zur Felskanzel. Auf dem jetzt ganz allein der Børestein liegt. Und wieder in Stille seinen Ausblick genießen kann. Danke, dass wir daran teilhaben durften. Es war ein Traum.

An dieser Stelle auch nochmal einen herzlichen Dank an Conny und Sirko vom Nordlandblog – ohne euch hätten wir diese Tour wohl nicht gefunden. Und sie war einfach spektakulär!

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